Geschichtswerkstatt Bräunlingen
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NS Fasnacht

Fotos zum Thema 

"völkisch" geprägte Bräunlinger Fasnacht in der NS-Zeit

befinden sich in der Rubrik "Fotos" 

 

Quelle: Festschrift der Narrenzunft Eintracht Bräunlingen e.V., 2014 

Die Fasnet und der Nationalsozialismus –

 

Das Dritte Reich

 

Die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 mit ihren negativen Einflüssen sowohl auf die historische Fasnet mit ihren Fasnetfiguren und überlieferten Bräuchen, als auch auf das Fasnetspiel der „Schauspielfasnet“ am Fasnetmentig (Rosenmontag) bedarf auch in Bräunlingen der Darstellung und der kritischen Betrachtung. In der Festschrift zum 100-jährigen Vereinsjubiläum 1990 wurde diese Zeit weitestgehend ausgeklammert. Die Ereignisse aber bleiben ein Teil unserer 125-jährigen Vereinsgeschichte und gehören somit für die Nachwelt festgehalten, auch wenn unangenehme Einzelheiten zu Tage treten. Die Narrenzunft „Eintracht“ stellt sich damit dem geschichtlichen Erbe der nationalsozialistischen Zeit. Es geht nicht darum einzelne Personen zu verurteilen, sondern den Geist jener Zeit und seinen immensen Einfluss auf Brauchtum, Kultur und das öffentliche Leben aufzuzeigen.

 

Propaganda auf der Fasnetbühne

 

Selbsternannte Volkskundler und gleichgeschaltete Lehrer, Schriftsteller und Heimatdichter machten ihren Einfluss auf die sogenannte „Volksfasnet“ und das „kultische“ Brauchtum im Dritten Reich geltend und schrieben zum Fasnachtsspiel militärisch, soldatisch und antisemitisch orientierte Stücke. Man passte sich der Zeit an und jeder wollte mit seiner Agitation vor dem Regime und der Partei glänzen.

Hermann Eris Busse schreibt zu dieser Zeit in seiner Hauptschrift „Alemannische Volksfasnacht“ 1935 ( Mein Heimatland, 22. Jahrgang, Heft 1 / 2 , 1935), „schwulstig-nebulöse Spekulationen über Dämonenabwehr und Winteraustreibung, angereichert mit Versatzstücken germanischer Mythologie“, so urteilt Professor Dr. Werner Mezger in seiner Publikation zu Busses Ausführungen in „Das Grosse Buch der Schwäbisch Alemannischen Fasnet“ 1999.

Ministerialrat Professor Dr. Ernst Fehrle, Heidelberg, (Nationalsozialistischer Hochschulreferent in Karlsruhe), besucht 1937 Bräunlingen während der Fasnetzeit mit seinen 40 Studenten, um eine praktische Beweisführung für seine Thesen einer noch echten Volksfasnet, aufzuzeigen. Zahlreiche Lehrer machen bei ihm den Abschluss und übernehmen die NS-Lehre vom kultischen germanischen Brauchtum als religiösen Kult des Volkes. Der Zusammenhang zwischen dem Kirchenjahr und der Fasnacht wird in dieser selbstgebastelten Historie gänzlich außer acht gelassen. Aus der Fastnacht als Christlicher Brauch wird ein Heidnischer.

 

 

 

Ideologische Fasnetspiele im Nationalsozialismus 1937

 

Unter der Regie von Hauptlehrer Frei wird das von Heimatdichter Hans Brandeck geschriebene Stück aus der „Stadtgeschichte“ um 1605 „Der Alchimist und die Juden“, endgültiger Titel „Der Zehnttag und das Malefizgericht“ (Malefizgericht – Blutgericht) am Fasnetmentig 1937 in Bräunlingen aufgeführt.

 

Die Presse schreibt dazu:

 

Zur Aufführung schreibt das Schwarzwälder Tagblatt am 27. Januar 1937 im Vorfeld:

 

 „ Der Inhalt des Spieles ist unserer Stadtgeschichte entnommen und beruht auf historischen Tatsachen. Wir sehen zuerst das Leben

und Treiben des Zehnttages, der die Bauern und Bürger in unserer Stadt zusammenruft, um die Zehnten an die verschiedenen

Obrigkeiten zu entrichten. Der damit verbundene Zehnttanz bringt reges Leben in die Stadt. Anschließend tagt das hohe Malefizgericht, um über verschiedene Vergehen und Verbrechen Urteil zu sprechen. Zwei hier ansässige Juden sitzen im Turm unter der Beschuldigung, falsche Goldgulden angefertigt und in Verkehr gebracht zu haben. Die beiden Hebräer werden aus dem Turm geholt und nach vielem Gemauschel und Geschrei geben die beiden ihre Schandtat zu, nachdem sie einen mehrere Jahre in unserer Stadt wohnhaften Italiener, der seine alchimistischen Studien betrieb, mit ihrer Tat in Verbindung bringen wollten. Das hohe Gericht spricht das Todesurteil und in kurzer Zeit baumeln die beiden am Galgen. Das Spiel selbst ist von unserem Heimatdichter Müller-Brandeck ausgearbeitet und steht unseren bisherigen aus seiner Feder stammenden Fasnachtsspielen ebenbürtig zur Seite.“

 

Wahrscheinlich bezieht sich der Stadtgeschichtliche Hintergrund auf die erwähnten Akten in der „Geschichte der Stadt Bräunlingen“ von Dr. Eugen Balzer, wo er auf Seite 54 auf den großen Alchimista (Goldmacher) Joannes Baptista Stabili aus Neapel, Parthenope und der Inschrift auf einem Grabstein hinweist.

 

Die Fasnetspiele dieser Zeit boten die Gelegenheit, die nationalsozialistische Ideologie mit in die Stücke einzubauen und damit beim Publikum auf der Freilichtbühne Propaganda und Stimmung zu machen.

 

Der Wehrmeister von Bräunlingen

 

Schon „Der Wehrmeister von Bräunlingen“ 1934, von Hans Brandeck verfasst, täuscht historische Echtheit vor und enthält in der Personenliste des Spielerverzeichnisses Namen von Persönlichkeiten, die in der NS-Zeit in Bräunlingen eine gewichtige Rolle spielten. Hier wird im Stück aus dem 30-jährigen Kriege die Schmach des verlorenen 1. Weltkrieges ideologisch verpackt und verarbeitet und den spielenden Personen in den Mund gelegt. Es ist die Rede vom „deutschen Mann“, „der deutschen Frau“, „Spionen“, „Retter“, „das Volk zahlt die Zeche“, „Kriegszeit, Kriegstage, Kriegsnot“, „Wehrhaftigkeit“, „Bürgerpflicht“ „Der Führer führt das Volk“, „ In seiner Hand ist auch die große Waffe fügig“, „Der Führer opfert sich dem Volk“, „In Nöten und Gefahr ein Beispiel er und Held “, so in den Textpassagen.

 

Bauernkrieg

 

Und auch das Schauspiel vom 4. März 1935 „Bauernkrieg 1525“, ebenfalls von Hans Brandeck, zeigt den neuen Zeitgeist der

Machthaber. Es wird sowohl militärisch und soldatisch beim Wagenburggefecht wie auch im gesprochenen Wort zeitgemäß operiert und aktuelle Themen wie die Rolle der Landwirtschaft und den Bauern als Nährstand des Volkes eingebaut. Die Verschuldung der Höfe mit Erbzins ist im Stück ebenso vorhanden

(Erbhofgesetz). „Blut und Boden“ Ideologie werden im Gesetz von 1933 gesetzlich verankert, eine mystische Überhöhung der

Landwirtschaft und des Bauernstandes. Man spricht später von der „Erzeugungsschlacht“.

 

NS- Zeit und die historische Fasnet

 

Auch die historisch gewachsene Fasnet erfuhr in der NS-Zeit eine Zäsur, denn Begriffe wie „germanischer Götterglauben“, „Unterweltskräfte“, „völkische Urkraft“, „germanisches Sonnenrad“, „Winterdämon“ und „kultische Fasnet“ halten Einzug, man befindet sich im „Aufbau“. Der Alemannische Ursprung Bräunlingens bietet die ideale Bühne für das Urgermanische und „heidnische“ (nichtchristliche), unterstützt durch die Volkskundler, die sich die Klinke in die Hand geben und die neu geschriebene Geschichte fundieren und hierfür in Bräunlingen wie andernorts auch den Nährboden findet. So spricht man am Stadthanseltag 1939 von der „Wahrung des uralten kultischen Fasnetbrauchtums“.

 

Krieg und Antisemitismus auch in den Hanselliedli von 1939 Thema:

 

Telephonisch word de Xaver b’stellt,

zu dä Kraftfahrer me er kummä.

Verkauf s’Motorrad, d’Fine schreit,

sunscht kinnscht im Kriäg umkummä.

 

Im Blaue Meer word arisiert,

dä Ferdi hät diä Sach kapiert.

Bei ihm kamer alles ha,

an Wäsch fer Kind und Wib und Ma.

 

 

Nachkriegszeit

 

Nach dem Krieg wurden die Urhexen in Bräunlingen geschaffen, die das „Sonnenrad“ mit sich führen und auch „Alemannische Trummler“, die „Urgestalten der Germanenstämme“ fanden den Weg in die Zunft.

Vieles hat sich bis heute, im Sprachgebrauch zum Beispiel beim Hexenlaufen eröffnen im gesprochenen Wort des Zeremonielles in der Bräunlinger Fasnet erhalten, ohne dass die Akteure sich dessen Ursprungs bewusst sind.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Brauchtum, teilweise mit den gleichen Personen in gleicher Weise fortgeführt und vieles nicht kritisch hinterfragt oder gar geändert. „Winterdämon“ und die „Winteraustreibung“ blieben Hauptbestandteil einer alemannischen Fasnet und Fasnetdeutung, die sich aber trotzdem weiterentwickelt hat und auch weiter fester Bestandteil der Bräunlinger Fasnet ist.

Dank heute fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse der Volkskundeforschung insbesondere von Professor Dr. Werner Metzger, fällt es aber heute leichter, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Verantwortlichen sind sensibilisiert, auch wenn Manches im gesprochenen Wort schon so „historisch“ und „traditionell“ geworden ist, dass es unmöglich erscheint, einen radikalen Schnitt zu machen.

 

1924 bis 1930

Weltwirtschaftskrise

 

An der Fasnacht 1924 wurde die unterbrochene Entwicklung wieder aufgenommen. Mit dem Thema „Menschenalter“ wurde fortgesetzt, was bis 1914 eine glückliche Entwicklung genommen hatte. Der Kassenstand aus dem Jahre 1914 in Höhe von 64,29 Mark ging allerdings durch die Geldentwertung verloren. Das Jahr 1924 schloss dann aber wieder mit einem Kassenvorrat von 67,84 Mark

 

Geldnot zwingt zu Bettelbriefen ins Ausland

 

Die Zunftleitung stellte den Mitgliedern, die im Ausland, hauptsächlich in den USA und Kanada Verwandte hatten, einen vorbereiteten Brief zur Verfügung, der an die „lieben Landsleute“ gerichtet war. In diesem Bettelbrief werden die Schwierigkeiten der Zunft ausführlich beschrieben, wobei hauptsächlich die Kriegs- und Inflationsjahre für die Schwierigkeiten verantwortlich gemacht werden.

 Es wird unter anderem geschrieben:

„Erinnern Sie sich , wie Sie als kleiner Junge voller Freude unsere lustigen übermütigen Hansel begleiteten, wie Sie aus Leibeskräften das alt überlieferte „hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz“ gesungen haben. Erinnern sie sich wie Ihnen der schmucke Hansel Äpfel, Nüsse, Würste und dergleichen mehr zugeworfen hat?“

Die Mitglieder waren aufgefordert, diesen Brief den Verwandten im Ausland und in Übersee zuzusenden. Jede kleine Gabe wurde im Brief als Verpflichtung für den Erhalt des Brauchtums angepriesen.

Die Narrenzunft betrachtet es als ihre „höchste lokalpatriotische Aufgaben“ die Fasnet nicht sterben zu lassen.

Das Ergebnis war jedoch nicht überwältigend. Lediglich 15 Dollar = 42,80 Reichsmark konnten vereinnahmt werden. Chas. A. Rosenstihl und Ferd. Jäger, beide in Amerika, waren die Stifter dieses Betrages.

 

1940 bis 1949

Kriegszeit und Nachkriegszeit

 

Wegen des 2. Weltkrieges und der Nachkriegsjahre fanden keine Fasnachtsveranstaltungen statt.

Die Narrenzunft verliert 27 Mitglieder, die gefallen oder vermisst sind.

Aufgrund der Kontrollgesetze wurde die Narrenzunft als Verein aufgelöst. In der Narrenratssitzung vom 13. Januar 1947 wurde beschlossen, 1947 noch keine Veranstaltungen durchzuführen. Bürgermeister Zirlewagen gab in jener Sitzung dem Narrenrat bekannt, dass nach den Kontrollratsgesetzen die Zunft als aufgelöst zu gelten hat und zur Fortführung des Vereins eine Neugründung erforderlich ist.

 

Zunft erhält Genehmigung zur Aufnahme der Tätigkeit

 

Auf Antrag der Zunftleitung an das Landratsamt Donaueschingen teilt dieses mit Schreiben vom 15. Januar 1948 dem Zunftmeister A. Sayer mit, „Die Militärregierung hat mit Schreiben vom 15. Januar 1948 – Nr. 131/EDU/0/AW – die Genehmigung zur Aufnahme der Tätigkeit der Narrenzunft „Eintracht“ Bräunlingen am 15. Jan. 1948 erteilt.“

Am 27. Januar 1948 fand eine Narrenratssitzung zur Vorbereitung der ersten Vollversammlung nach neun Jahren statt. Nach dem Mitgliederverzeichnis waren 1948 wieder 176 Bürger der Eintracht breigetreten. Nach der Währungsreform 1948 betrug der Kassenstand immerhin 57.- Mark.

Wegen des großen Verlustes an Kostümen für die Schauspielfasnet wird auf die gesonderte Ausführung zum Thema Schauspielfasnet verwiesen.

 

Neuanfang

 

Die Zunftleitung ging mit großem Eifer daran, nach dem Krieg die Fasnet wieder in der bewährten Form zu gestalten. Am 20. Februar 1949 fand nach 10 Jahren wieder der erste Zunftball in der Brauerei Graf statt.

 

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